Ab 1639

Im Jahre 1639 finden wir Burg Katz wieder erwähnt. Der neue Besitzer, Landgraf Georg von Hessen-Darmstadt, schien damals eine neue Belagerung zu befürchten und erließ ein längeres Sendschreiben an seine “Ehrsamen lieben Getreuen”, nämlich den Bürgermeister und Rat von St. Goar, in dem er sie ermahnt, daß sie sich nicht “durch allzu große Feig- und Zaghaftigkeit fremder und Reichsfeindlicher Nation und Kriegsvölker ergeben” wollten, zumal sie “nächst göttlichen Beistands auch die um und an euch situirten Häuser Rheinfels und Katz” zum Schutze hätten.

Die Freude der Hessen-Darmstädter an ihrem neuen Besitz dauerte indessen nicht lange. Die ehrgeizige Landgräfin Amalie Elisabeth von Kassel, die den Verlust der beiden prächtigen Burgen nicht verwinden konnte, ließ sie im Jahre 1647 mit starken Truppen belagern, worauf sich die Besatzungen, denen es diesmal an den richtigen Führern fehlte, unter ehrenvoller Waffenstreckung übergaben. So war das blutige Ringen von 1626 umsonst gewesen.

Das kriegerische Jahrhundert schritt weiter. Das Land war durch den westfälischen Frieden von 1648 an eine Seitenlinie der Kasseler, an das Herrscherhaus Hessen-Rheinfels-Rothenburg gekommen, aber die Militärgewalt über die beiden Burgen war bei Kassel verblieben. Hatten nun die vielgeplagten Bewohner von St. Goarshausen, die sich von den Schrecken des Dreißigjährigen Krieges kaum erholt hatten, gehofft, daß ihnen nun ein längerer Frieden beschieden sei, so wurden sie bitter enttäuscht. Schon 40 Jahre später brach ein neuer weit gefährlicherer Feind in die Stille des Tales ein. Es waren die Heere Ludwigs XIV., die im Dezember 1692, nach der Verwüstung der Pfalz, vor Rheinfels und Katz gerückt waren. Die Burgenschlüssel ihm als Neujahrsgeschenk zu überbringen, hatte der französische Marschall Tallard seinem Souverän versprochen.

Wieder gab es ein blutiges Ringen. Nicht weniger als 30.000 Mann mit gewaltigem Artillerieprk hatten die Franzosen von der Moselfestung Montroyal herangeschafft. Aber wieder hatten die beiden Burgen zwei Führer von heldenhaftem Ausmaß: auf Rheinfels den Generalmajor Görz und auf der Katz den Hauptmann Luck, letzterer mit einer Kompanie des hessischen Regiments Prinz Karl, die während der Belagerung noch verstärkt wurde. Hinter dem St. Goarshäuser Ufer nach Reichenberg hin war außerdem zur Unterstützung der beiden Festen und zum Schutze der Stadt ein Korps von 3000 Mann unter dem Kommando des Generalmajors von Karssenbruck aufgestellt. Die Bestückung der linksrheinischen Berghöhen seitens des Feindes war ähnlich wie 1626, wogegen die Nocherner und Patersberger Höhe diesmal von der hessischen Artillerie‚ besetzt wurden, da die Franzosen infolge der Uferwacht nicht über den Rhein konnten.

Den Kampf, der sich nun entspann und der an Heftigkeit den von 1626 weit übertraf, in seiner ganzen grausigen Gestalt zu schildern, wollen wir uns erlassen und nur erwähnen, daß Marschall Tallard schon am zweiten Tag der Belagerung durch den bekannten Meisterschuß des St. Goarer Schützen und Drechslermeisters Johannes Kretsch vom Turm der Stiftskirche aus schwer verwundet und kampfunfähig gemacht wurde, und daß es dem heldenhaften Befehlshaber von Görz, der mit dem Degen in der Faust selbst in das Gemetzel eingriff und seine Leute immer wieder von neuem in den Kampf führte, gelang, den Feind, wenn auch unter blutigen Opfern, zu vertreiben und die Wahlstatt zu behaupten. (Näheres darüber siehe Kapitel “St. Goarshausen unter den Landgrafen von Hessen-Rheinfels-Rothenburg”!)

Nicht weniger heldenhaft verteidigte sich die Katz, deren gewaltiges Trommelfeuer die Franzosen zwang, ihre Absicht, die Stadt St. Goar vom Wackenberg aus anzugreifen, aufzugeben und sich mit großem Verlust zurückzuziehen. Als sie daraufhin Miene machten, an der Loreley überzusetzen, um dem Rheinfels die Zufuhren abzuschneiden, wurden sie von den rechtsrheinischen Truppen verjagt. Die Verwundeten und Kranken vom Rheinfels wurden nach St. Goarshausen und Bornich überführt. Jedes Haus hier war zum Lazarett geworden.

Am 23. Dezember traf Landgraf Karl von Kassel in St. Goarshausen ein, mußte aber sein Vorhaben, nach Rheinfels zu gelangen, aufgeben, da die Franzosen vom Wackenberg aus den Rheinverkehr unter Feuer hielten. So konnte er nur die Batterien des Patersbergs flüchtig besuchen und begab sich dann nach Koblenz.

Die Schreckenstage gingen weiter. Die Berge trugen ihr winterliches Gewand. Der Rhein rauschte düster dahin. Es wurde Weihnacht, aber den Menschen war es wenig festlich zumute. Sie wollten an keinen Frieden mehr glauben.

Da geschah das Wunder. Als man am 2. Januar morgens von der Feste Rheinfels nach dem Feind Ausschau hielt, gewahrte man mit Erstaunen, daß die Franzosen in der Nacht stillschweigend “ihre Koffer gepackt” hatten, mit anderen Worten, daß sie ihre Batterien weggeführt hatten und mit Sack und Pack abgerückt waren. Sie hatten den Geschmack an dem rheinischen Abenteuer verloren.

Welche gewaltigen Opfer diese nur 14-tägige Belagerung gekostet hat, geht daraus hervor, daß die Franzosen nach eigenen Angaben 4000 Tote nebst 6500 Verwundeten und Kranken hatten, so daß also gut ein Drittel des Heeres dem Ehrgeiz ihres Königs zum Opfer gefallen war. Diesen gewaltigen Zahlen gegenüber waren die Verluste der Belagerten bescheiden zu nennen: Sie betrugen 564 Tote einschließlich 24 Offiziere, sowie 885 Verwundete.

In den folgenden Jahrzehnten gaben Katz und Rheinfels, deren Befestigungswerk man nach den schweren Verheerungen, 1626 einigermaßen wieder hergestellt hatte - die Katz hatte ein niedriges Notdach erhalten - wiedermal Anlaß zu Streitigkeiten zwischen den beiden Herrscherhäusern Hessen-Kassel und Hessen-Rheinfels-Rotenburg. Die Burgen mußten es sich gefallen lassen, daß sie vom Kaiser mit Reichstruppen belegt, aber nach allerhand Zwischenfällen von den Kasselern wieder besetzt wurden, bis mit dem Familienfrieden von 1754 die hundertjährige Katzbalgerei ein Ende fand und Hessen-Kassel die Oberhoheit über die beiden Burgen behielt.

Quelle: Chronik von Jörg Ritzel

Mit freundlicher Unterstützung des Stadtarchivs St. Goarshausen.